16.09.2026
Seit Beginn des neuen Schuljahres protestieren Schüler*innen und ihre Familien in Rojava, dem mehrheitlich kurdischen Teil des ehemaligen Selbstverwaltungsgebietes, gegen die Abschaffung des 2013 eingeführten Unterrichts in der kurdischen Muttersprache. Stattdessen soll der Unterricht nur noch auf Arabisch stattfinden, mit der Ausnahme von drei Unterrichtsstunden Kurdisch pro Woche.
Die Entscheidung des Bildungsministeriums der syrischen Übergangsregierung bedroht eine zentrale Errungenschaft der bisherigen Selbstverwaltung: die Möglichkeit, in der eigenen Muttersprache zu lernen. Die Protestierenden fordern die Rücknahme des Beschlusses und die Anerkennung des Kurdischen als gleichberechtigte Unterrichtssprache neben Arabisch.
Auch in unserer Partnerstadt Dêrik halten die Proteste an. Schüler*innen boykottieren den Unterricht, Familien und Menschen aus den umliegenden Dörfern beteiligen sich an einem Protestzelt. Sie wenden sich dagegen, dass ihre Muttersprache im Schulalltag auf wenige Stunden begrenzt wird. Am 14. September bestand das Protestzelt bereits den fünften Tag.

Die Bildungsproteste finden in einer Zeit tiefgreifender politischer Veränderungen statt. Mit der Integration der Syrian Democratic Forces (SDF) in das Militär der syrischen Übergangsregierung Anfang September wurde die De-facto-Auflösung der kurdisch geprägten Autonomie vollzogen. Über 14 Jahre hatte die Selbstverwaltung ein demokratisches Gesellschaftsmodell erprobt, dessen zentrale Säulen Mitbestimmung, Gleichberechtigung und Minderheitenrechte waren. In der ehemaligen Verwaltungsregion leben Kurdinnen, Araberinnen, Assyrerinnen, Armenier**innen Êzîdinnen und weitere Bevölkerungsgruppen zusammen. Ob der Anspruch auf ein gleichberechtigtes Zusammenleben im neuen Syrien Bestand haben wird, ist ungewiss. Die Einschränkung des Kurdisch Unterrichts zeigt, wie unmittelbar erkämpfte Rechte nun zurückgedrängt werden.
Bildung braucht sichere Räume und sprachliche Rechte
Für uns als Städtepartnerschafts ist diese Entwicklung eng mit unserer Arbeit verbunden. Gemeinsam mit dem Kinderhilfswerk Global Care haben wir 2025 die Renovierung von vier Schulen in Dêrik und seinem Umland ermöglicht. Damit wollten wir sichere Lernorte schaffen und die Zukunftschancen von Hunderten Kindern verbessern.
Was diese Orte für die Familien bedeuten, brachte eine Mutter zu Beginn der Renovierung einer der vier Schulen zum Ausdruck:
„Es ist wichtig, dass diese Schule für uns alle ein Ort des Friedens und des Wissens bleibt. Und ich hoffe, dass die Kinder auch weiterhin in ihrer Muttersprache lernen können – das gibt ihnen Vertrauen und Selbstbewusstsein.“
Dieser Wunsch erhält angesichts der aktuellen Proteste neue Dringlichkeit. Gute Bildung braucht intakte Gebäude ebenso wie das Recht, in der eigenen Sprache zu lernen. Unsere Solidarität gilt den Schüler*innen und Familien in Dêrik und der gesamten Region, die dieses Recht verteidigen.